"Autist World" von Jo Fabian

"Einmalig" / Zitty




Premiere: 24.05.1996, Theater am Halleschen Ufer, Berlin

Inszenierung, Bühne, Licht: Jo Fabian
Musik: Ralf Krause, Jo Fabian
Assistenz: Henning Fülle
Kostüme: Swinda Reichelt

Darsteller/innen:
Ulrike Henning, Konrad Herold, Jörg Jüsche, Ralf Kittler, Ralf Krause




Einmalig - im wahrsten Sinne des Wortes - war die Premiere, die gleichzeitig erste und letzte Aufführung, von "Autist World". Fabians formalistisches Theater der Linien und Kreise und der Assoziationen begab sich dabei dahin, wo Geschichten ihren Anfang nehmen. Die Geschichte allerdings wurde nicht erzählt. Fabian: "Wir beobachten das Öffnen des Mundes, bevor er zu uns spricht!"
(zitty, Berlin, 11/96)

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Zeitvergessen spielt ein Gitarrespieler im Zentrum der halbdunklen Bühne des Theaters am Halleschen Ufer, während die Zuschauer in den Saal strömen und ihre Plätze einnehmen. Unbeeindruckt spielt er weiter, als alle längst stillsitzen und warten, daß das Stück beginnt. Stoisch spielt er auch dann noch, als Unruhe wie ein kalter Wind durch die Reihen der Zuschauer geht, die unsicher sind, die sich um ihre Theatererwartungen betrogen fühlen, weil sie zu glauben beginnen, Jo Fabians Event "Autist World oder Alles, was ich über Tanz weiß" würde sich im Musizieren, würde sich im Desinteresse, in der Emanzipation des Schauspielers vom Zuschauer erschöpfen. Doch zum Glück für die Erwartungshaltungen im Saal tritt ein Mann an den Gitarrespieler heran und ... rasiert gelassen dessen Haare ab, während der weiter spielt. Ein Tänzer erscheint als Schattenbild an der Bühnenwand und führt Künste vor, wächst ins Heroische, aufgepäppelt von klassischem Tänzervokabular und vom Licht, ein Führer, Verführer, ein Leitbild. Eine schwangere Frau mit Ballettschuhen wandert tippelnd hin und her. Ihr Gesang wird von einem Klavier ohne Spieler begleitet. Ein kleiner Junge führt clowneske Nummern vor, eingesperrt in ein käfigartiges, metallenes Frauenkleid, boxt gegen ein Gefängnis an, den Mutterleib vielleicht, will in die freie Welt und will es unter keinen Umständen. Ein Tänzer tritt unter donnernder Musik auf und erstarrt. Ein Mann mit Kerze setzt sich und wartet (…).
Ende.
Jenseits der bekannten Kausalität reihen sich diese seltsamen poetisch-ästhetischen Sequenzen aneinander oder überlappen sich, ohne miteinander zu kommunizieren, perfekt von Fabian in Szene gesetzt. Sie teilen nur zufällig denselben Raum und dieselbe Zeit oder sie warten darauf, nach einer unbekannten Logik wie die Punkte eines Bilderrätsels verbunden zu werden. Die Performance "Autist World" war ein Experiment mit dem Phänomen der "Anwesenheit einer noch nicht erzählten Geschichte" oder vieler, die nicht zu ihrem Ende kommen, zu ihrer Allgemeingültigkeit. Ihr Sinn, ihre Entwicklung verschließen sich autistisch. Der Zuschauer kann sie nur durch seine Imagination in bestimmte Richtungen vollenden und dadurch "verfälschen".
Durch extrem ausgedehnte Zeitspannen, in denen nichts geschieht oder ständige Wiederholungen stattfinden, schafft Fabian Räume für mentale Ausflüge. Durch die Langsamkeit der Zeit wird für den Zuschauer eine Dimension erfahrbar gemacht, die normalerweise nur denkbar, träumbar ist und als theatralisch nicht umsetzbar gilt: Die Dimension der Möglichkeiten.
(Mario Stumpfe, Neues Deutschland, 3.6.96)

Eine Produktion von Jo Fabian Department