"Pax Germania" von Jo Fabian

"...Denn abermals glückt Fabian hier das Unglaubliche:,,," / Werner Wallis




Premiere: 19.09.1997,
Hebbel-Theater Berlin

Inszenierung, Bühne, Licht: Jo Fabian
Assistenz: Christopher Langer
Musik, Ton: Ralf Krause

Darsteller/innen:
Martina Esser, Paula E. Paul, Kai-Brit Schrader;
Ralph Boock, Jörg Jüsche, Ralf Kittler, Herbert Schöberl, Jörg Steinberg



Der Countdown läuft in Jo Fabians "Pax Germania". Vierzig Minuten gleich vierzig Jahre DDR ticken nur so weg. Dann kommt die Stunde Null, der Mauerfall - die Uhr springt vom Minus ins Plus. Doch während auf zwei Bildschirmen die Sekunden und Zehntelsekunden hetzen, passiert auf der Bühne fast nichts.....Jo Fabian liebt, das zeigten auch schon seine früheren Stücke, eindeutige Bilder, klare Farben, das Stilisiert und Symbolische. Der Große ohrfeigt den Kleinen. Dessen Stunde der Rache kommt nach dem Fall der Mauer, weil sein Peiniger sich nicht anzupassen vermag an die "neue Zeit".
Solche Klischees werden erträglich gemacht durch Ironie und, ja, Momente von Poesie. Doch "Pax Germania" ist mehr als nur ansehbar, sein formale Konsequenz und die Präsenz seiner Darsteller beeindrucken: Wer so lange bewegungslos die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu fesseln vermag, hat schon einen Orden als Held des Schauspiels verdient.
(Sylvia Staude, Frankfurter Rundschau, 2.12.1997)

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Scharfer und amüsanter Blick auf Germania
Im Herbst '97 sieht alles nach Lähmung und Stillstand aus, die beiden deutschen Nachkriegskulturen haben sich selbst zerrieben, daran hat die Vereinigung nichts geändert. Fabians Blick auf die DDR-Gesellschaft, ihre Hoffnungen und Verzweiflungen, ist ätzend-scharf und gleichzeitig amüsant-witzig in der Umsetzung. Provokation von Anfang bis Ende, denn obwohl die Uhren auf beidseits angebrachten Monitoren jede Sekunde zählen, weiß der Zuschauer nicht, wann hat es begonnen, wann wird es enden (…).
Das wichtigste ist die Regie der unendlichen Langsamkeit auf der Bühne, hier auch Synonym für die eingeschlafene Zeit der DDR-Gesellschaft. Alles ist genau zu beobachten, die drei Frauen und fünf Männer halten die Spannung mit großer Bühnenpräsenz. Da ist die frustrierte Ehefrau, die plötzlich seinen Anzug wie ein Baby in den Armen hält. Da ist der kraftprotzige Trommelträger und der kleine Wichtigtuer, die lebenshungrige junge Frau, die zaghaft nach westlicher Musik tanzt und der Brutalo mit dem Flieger-Outfit, der introvertierte Fahnenträger und die unscheinbare FDJ-Maus.
Die Musik-Collage markiert deutlich den Wendepunkt. Ab dem Mauerfall zählt die Uhr vorwärts und vorsichtig tasten sich die Protagonisten den Weg in unbekanntes Terrain. Die früheren Akteure scheitern dramatisch (…). Aber der kleine Wichtigtuer, die schüchterne FDJ-Maus und der nackte Mann - sie gelangen bis nach vorne an die Rampe. Der Nackte bettelt um Kleidung, der Kleine schwingt dazu locker drohend eine Pistole.
Zum Schluß droht Honecker: Der Sozialismus steht irgendwann auch vor Ihrer Tür. Das Publikum ist direkt angesprochen. Schließlich war und ist alles auf den Westen ausgerichtet. Irritation und Amüsiertheit ist die Folge, und die neuerliche Erkenntnis, daß die "Pax Germania" keineswegs friedlich ist.
(Dagmar Klein, Gießener Allgemeine, 03.12.97)

Eine Produktion des Hebbel-Theaters Berlin in Zusammenarbeit mit dem Theater am Halleschen Ufer Berlin,
Berliner Festspiele, Kampnagel Hamburg, Kleist-Theater Frankfurt/Oder, Theater im Pumpenhaus Münster;
unterstützt von der Kulturstiftung der Länder, Siemens Kulturprogramm, Kulturbehörde Hamburg.