"Polka Dot. ein stillleben" von Jo Fabian

„...schwarzhumorig und böse, urkomisch und hochästhetisch.“ /Tobias Schwartz,

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Premiere am 22.05.2008 , Orphtheater Berlin

Konzept/ Raum/ Licht/ Kostüm/ Videodesign/ Text: Jo Fabian
Darsteller: Annegret Thiemann, Matthias Horn
Musik: Cyberpiper
Dramaturgie: Eckart Seilacher
Assistenz: Tanja Krüger
Technische Leitung/ Licht: Stefan Wolf
Tontechnik: Markus Götze
3D-Image LoveDot: Rob Steenhorst
Pressearbeit: Kerstin Böttcher
Stimmen: Christopher Langer / Mac
SL-Player: Petra Farhan, Ralf Senf

Es gäbe durchaus die Möglichkeit, seinen Geist aus der Knechtschaft einer dogmatisierten Wirklichkeit zu befreien, wenn wir uns nicht fortwährend selber suchen müssten. Verbunden mit einer uralten Sehnsucht, in den Lauf der Welt aufgenommen zu werden und nicht etwa ausgespien, entsteht ein unauflösbarer Widerspruch für unser Denken. Man arbeitet am eigenen Verschwinden genussvoll mit, um sich durch die Suche nach dem Selbst fast sichtbar für jeden Aussenstehenden dem Verschwinden zu verweigern.
Dieses Stück ist dem Traum von unseren Möglichkeiten entsprungen und stochert
dabei furchtlos in der Einöde einer ständig anwachsenden Paradoxie herum:
Ich würde sogar das Geld wieder abschaffen, aber nur wenn ich es nicht kann, denn wenn ich es könnte, würde ich es nicht tun. Zu viele Vorteile wittert mein künstliches Selbst bei der Vorstellung von Macht. Das ist das Problem.
Was ich hier verkaufe, ist das verloren gegangene Passwort für deine Zeit.
Es ist ganz einfach: Gib sie auf, die Suche nach deinem Selbst und erkenne es im Muster deiner Umgebung. Es wird uns nichts weiter übrig bleiben, als unser Ego von unseren Wünschen zu trennen, um in dem verbleibenden Rest zu wohnen, denn eher wirst du die ganze Welt neu erschaffen, als daß dein Ego ein Echtheitszertifikat erlangt.

Nein, mit Polka-Tanzen hat das hier nichts zu tun. Die Bühne, von der man seine Blicke überhaupt nicht mehr lassen möchte, ist nach dem 3D-Bild “LoveDot” des holländischen Künstlers Rob Steenhorst entstanden: eine biedere Wohnung, in der alles aus einem Muster besteht, nämlich schwarzen Punkten auf weißem Hintergrund.
“Polka Dot” heißt dieses Muster. Erinnert an Dalmatiner, eine Porzellan-Version steht auch auf der Bühne. Matthias Horn, mit Anzug und Melone, versucht erfolglos, den Porzellan-Hund zu einer Regung zu bewegen. Dieser Versuch, ein gekonnter Slapstick, ist der Auftakt eines absurden Reigens, der kunstvoller nicht sein kann. Annegret Thiemann spielt Horns Frau, ihr Kleid ist wie die Bühne gepunktet, so dass sie sich fast nur noch durch Bewegungen abhebt. Beide bluten, Thiemann aus dem Auge, Horn aus dem Kopf. Darin hat er nämlich ein Loch. Und immer wenn er seinen Finger aus dem Loch nimmt, klingelt ein Telefon. Dabei sind sich beide sicher, gar keins zu besitzen. So ist denn auch die Determiniertheit der Figuren, die reflexartig auf ihre Umgebung reagieren, gar nicht mehr klar zu bestimmen. Es ist kein Sinn mehr auszumachen.
Diese an sich traurige Erkenntnis inszeniert Jo Fabian als fulminantes Spiel auf der Grenze zwischen Virtuellem und Realem, schwarzhumorig und böse, urkomisch und hochästhetisch.
Am Rand der Bühne steht der Musiker Pit Vinandy im Cyber-Kostüm, das die Ebene des Virtuellen repräsentiert und packt folkloristische Klänge in ein elektronisch-verzerrtes Gewand. Auch wenn es keine Polka gibt, getanzt wird trotzdem. Matthias Horn etwa, hüpfend, ist der springende Punkt.
Tobias Schwartz, Zitty 25.05.2008

Eine Produktion von Jo Fabian Department/Orphtheater und der HALLE mit freundlicher Unterstützung des
Fonds für Darstellende Künste und dem Kulturamt Pankow