"Ten years after" von Jo Fabian

"Jo Fabians Endspiel" / Olliver Schwarzkopf


Premiere: 15.05.2003, Hebbel Theater Berlin

Darsteller/-innen: Ralf Kittler, Kerstin Rünzel,
Jörg Steinberg, Annegret Thiemann
Regie, Bühne, Licht, Video: Jo Fabian
Kompositionen: Jo Fabian
Arrangements und Musikalische Leitung: Harald-Christoph Thiemann
HÖHERE GEWALT ORCHESTER: Matthias Badczong (clarinets), Severine Ballon (cello), Georg Fischer (saxophones, flute), Sanja Fister (marimba, vibes, percussion), Konstanze Friedrich (cello), Peer Neumann (piano, keybord, accordion), Harald-Christoph Thiemann
(drums, percussion), David Wedel (violin)
Regieassistenz: Christopher Langer
2. Assistenz: Susanne Ogan
Hospitanz (Bühne): Margit Wiegand
Produktionsleitung: Karin Kirchhoff
Technik: Matthias Schäfer (Bühne, Techn. Ltg.), Andreas Kröher (Licht), Volker Greve, Andreas Vater (Ton)


In dieser Woche nun – und leider nur noch diesen Samstag und Sonntag zu sehen – sein neuestes Stück, »Tenyearsafter«, wohl nichts weniger als Jo Fabians Endspiel. Wiederum stehen vier Ossis auf der Bühne, zwei Männer, zwei Frauen – und klar ist: Die Träume sind ausgeträumt, denn aus den Figuren von »Whisky and Flags« sind tumbe Clowns geworden.
Ja, Punkte sammeln – denn die Punkte werden in Geschenke umgewandelt, so ist es versprochen worden. Wissen sie ganz genau, oder glauben zumindest, sich ganz genau daran erinnern zu können. Oder doch nicht? Bilden sich die Clowns das nur ein? Gibt es überhaupt Punkte? Wenn ja, wofür? Worin besteht das Punktesammeln? Ganz unwichtig, offenbar – die reine Beschäftigungstherapie, um nicht dem Wahnsinn zu verfallen.
Selten, wenn nicht noch nie, sah man von Jo Fabian so klare Aussagen: Die Ossis als die Clowns der Geschichte – verarscht von den einen, aber selbst zu blöd, den Bühnen-Raum – gleichzeitig Wartesaal der Geschichte wie Wartesaal des Bahnhofs und noch vieles mehr – zu verlassen. Denn: Es könnten ja die »angesammelten Punkte« verloren gehen, »und alles war umsonst«. So machen sie denn auch weiter, als kleines Rädchen im Getriebe, bloß nicht die Punkte verlieren, egal ob es sie gibt.
Ob sich Jo Fabian damit identifiziert? Nein, nicht in einem platten Sinne – Fabian ist nicht die neue Stimme aus dem Osten, das Ein-Mann-Komitee-für-Gerechtigkeit, der Bewahrer der Ampelmännchen und des Grünen Pfeils. Ihn interessiert viel mehr: Kann man auf dem Theater Dinge sagen, zeigen, spielen, die in der Politik keine Rolle mehr spielen, weil die einen aus dem Westen sich dafür nicht interessieren, und die anderen aus dem Osten aufgrund internen Gezänks und eigener Unfähigkeit (die Leser dieser Zeitung werden es am besten wissen) nicht in der Lage sind, einen noch so kleinen Beitrag zu leisten.
Die Inszenierung hat ihre stärksten Momente, als der ersehnte Zug endlich kommt. Ein Spielzeug-ICE fährt von links nach rechts über die Bühne, und hält – natürlich nicht. Sie sind wieder nicht gekommen, es geht wieder nicht nach Hause, kein »Auf Wiedersehen Deutschland«. Also dableiben, Punkte sammeln, ja nicht weggehen (die Punkte!!!), warten. Wenig später kommt der Zug in Gegenrichtung von rechts nach links, auch der hält nicht an – wäre auch zu schön gewesen. So leben sie hin. Warum auch weggehen, es ist ja warm, es gibt Stullen, und so schlecht ist es auch nicht. Und vor allem: Wenn man jetzt weggeht – auch wenn der Zug wieder nicht gehalten hat – war alles umsonst, die Punkte verfallen!
Ein nachhaltig verstörender und dringend zu empfehlender Theaterabend. Ein ganz großer Abschied, hoffentlich nicht für immer. Im nächsten halben Jahr, so Fabian, werde er einen Raum, eine neue Adresse suchen, wo die Arbeit weitergehen kann. Und wo wir dann hoffentlich in zehn Jahren wieder »Whisky and Flags« und »Tenyearsafter« sehen werden.

Oliver Schwarzkopf, Neues Deutschland, 17.05.03)

Eine Produktion von Jo Fabian/DEPARTMENT und Hebbel-Theater Berlin aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds der Bundesrepublik Deutschland und der Berliner Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur. In Koproduktion mit off limits Dortmund im Rahmen der RuhrTriennale. Mit freundlicher Unterstützung von TANZtheater INTERNATIONAL, Hannover.