"Tristan und Isolde. nicht berühren" von Jo Fabian

"Jo Fabian, als furchtloser Zeremonienmeister des Utopieverlusts..." / Fritz Anton




Premiere: 10.06.2001, Festspielhaus Hellerau Dresden

Austellungsstück von Jo Fabian
mit Annegret Thiemann und Ralf Kittler
Konzept/Gesamtleitung: Jo Fabian
Raum: Jo Fabian/Karl Wedemeyer
Licht: Jo Fabian
Assistenz:Andreas Kröher
Programming: Eckart Arns
Soundinstallation: Ralf Krause


Jo Fabian, als furchtloser Zeremonienmeister des Utopieverlusts bekannt und geehrt, schreckt mit seinen Tanzinstallationen und Bühnenritualen vor nichts zurück. Nicht vor der Eigenentwicklung des esoterischen Alphasystems, einer Tanzsprache, die außer Eingeweihten niemand verstehen kann, nicht vor den großen Theorieentwürfen und auch nicht vor Richard Wagner. Dessen reglose "Handlung in drei Aufzügen" hat sich Fabian jetzt vorgeknöpft und daraus fast beiläufig eine seiner subversivsten Arbeiten gemacht. Natürlich geht es bei Fabians "tristan und isolde. nicht berühren" nicht um gesangliche Größe. Aber auch nicht um choreographische Musikumsetzung oder die Rätsel der Liebe und die Feuer des Begehrens. Vielmehr hat sich Fabian wenige Motivsplitter aus Wagners Drama um Warten, Sehnen, Verbot und Entrückung herausgepickt und zu einem blicktheoretischen Erlebnisraum zusammengefügt.
Fabians "tristan und isolde" ist eine ständige Gratwanderung zwischen Neugier und Abstoßung, Lockung und Strafe, Sehnsucht und Erfüllung. Und daß Tristan am Anfang wie am Ende am Boden liegt und Isoldes Blick in unbestimmte Fernen schweift, ließe sich natürlich auch auf Wagners Vorgaben zurückführen. Bei ihm endet "die Handlung" im klassischen Doublebind des Zeigens: "Freunde! Seht! … ihrs nicht?" Im Hamburger Bahnhof aber mahnt eine freundliche Stimme: "Die Ausstellung endet in wenigen Minuten!" Dann sind es fast zwei Stunden gewesen.
Franz Anton Cramer; FAZ/ Ausgabe Berlin, 16.08.2001)

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Jo Fabian aus Berlin, der Verführer mit allen Mitteln und wohl auch einer der letzten Romantiker, nennt seine neue Arbeit "Tristan und Isolde. nicht berühren", ein Ausstellungsstück. Und lädt das Publikum dazu an zwei Abenden der 10. Tanzwoche Dresden nach Hellerau ein. Selten verbindet, verbündet sich der geschundene, geschichtsträchtige Saal des Tessenow- Gebäudes so bemerkenswert mit jenen, die ihn zu beleben suchen. Es ist, als betrete man eine akustisch, visuell schwingende Traumwelt, einen Ort nirgendwo, nirgendwann, Nirwana vielleicht, als bewege man sich mit anderen auf weißem Quarzsand um einen magischen, im Licht veränderlichen Körper herum. Inmitten des Saales befindet sich auf einem Sockel aus Carrara-Marmor eine geschlossen wirkende, von allen Seiten einsehbare Glasvitrine. Im mannshohen Quader sind zwei Menschen ausgegrenzt, ein Mann und eine Frau. Möglich, dabei an Tristan und Isolde zu denken. Ihr Atem beschlägt die durchsichtigen Flächen. Zuweilen scheinen sie wie im Eisblock festgefroren, lässt sich ein Sarg assoziieren, ein Schloss aus Eis. Ganz leise vernimmt man in ihrer Nähe Wagners Musik. Wer zu dicht aufrückt, wird durch Sirenen abgewiesen. Eine spannende Produktion, die in wechselnden Räumen (vorgesehen sind bislang Aufführungen in Berlin und Leipzig) ihr Erscheinungsbild ständig verändern wird. Fabian, der Wort und Bewegung gerade so wie Raum- und Sinnbilder liebt, gelingt mit dieser Arbeit gemeinsam mit sehr guten Darstellern eine sinnlich erfahrbare Synthese des Imaginären und Wirklichen. Eine Vision! Für die Liebenden ein Fluch?
Gabriele Gorgas; Sächsische Zeitung, 30.06./01.07.2001

Produzenten dieser Arbeit sind die Europäische Werkstatt für Kunst und Kultur im Festspielhaus Hellerau e.V., das Hebbel-Theater, Berlin und die euro-scene, Leipzig. Unterstützt wird die Produktion von der Tanzbühne Dresden e. V.