"Victor" von Jo Fabian

"Die starken Bilder im Kopf" / Juliane Sattler

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Premiere: 29.03.2003 , Staatstheater Kassel

nach Roger Vitrac
Regie, Bühne, Kostüme: Jo Fabian
Dramaturgie: Jan Kauenhowen
Regieassistenz: Christopher Langer
Besetzung: Michael A. Grimm (Victor)
Axel Sichrovsky (Charles Paumelle)
Anja Panse (Emilie Paumelle)
Danielle Schneider (Lili)
Stephanie Stremler (Esther)
Marko Dyrlich (Antoine Mageneau)
Kristin Muthwill (Thérèse Mageneau)
Andreas Haase (General Etienne Lonségur)
Sabine Waibel (Ida Totemar)
Petra Förster (Grande Dame)
Jörg Steinberg (Der Arzt)
Micha Kaplan (Musiker)

Klar, man kann von einer Minute auf die andere verrückt werden. Der Surrealist Roger Vitrac nennt sein 1928 entstandenes Stück „Victor oder Die Kinder an der Macht“, eine Farce, die oft auch als Boulevard gespielt wurde. Doch in Kassel zur Premiere ist alles anders. Kassel hat den Regisseur Jo Fabian. Schon die ersten Minuten zeigen das ganze Konzept eines hoch begabten, konsequenten Bühnenkünstlers: Die schwarz gekleidete Festgesellschaft mit den Schirmen in der Hand umrandet zur donnernden Klang-Collage den Raum in strenger Choreografie auf schmalen Holzstegen. Dahinter weitet sich ein Seehimmel, und das Gewitter grollt. Ein Kronleuchter schwankt herab aus der Leere des Himmels, und irgendwo weint eine Geige. Victor, das einsame Kind, spielt mit einem silbernen Fisch und schaut in die Ferne, bevor er langsam den Musterknaben ablegt. Victor tut das fast nebenbei, wie ein Traumtänzer über dem Abgrund. (...) Durch die eindeutige Handschrift Jo Fabians (er gestaltete auch die Bühne und die Kostüme) entpuppt Roger Vitrac sich noch einmal als bissiger und witziger Moralist. „Schluss mit der Bourgeoisie“, ruft dann Victor, verzweifelt-mutig, „Schluss mit der Vorherrschaft des Geistes“. Vor langsam herabdimmendem Licht dreht sich die Wahnsinns-Spirale immer schneller, wenn das Warnsignal ertönt, verfällt die Gesellschaft aus der Bewegung heraus in eine totenähnliche Starre. Dann kommt die rothaarige Frau (Petra Förster) und zitiert poetisch-surrealistische Texte von Jo Fabian: Minuten des Aufatmens, bevor der Albtraum in die nächste Runde geht. Die mysteriöse Ida Totemar (Sabine Waibel) ruft mit ihrer exzessiven Toilettensitzung die Sintflut herbei. Im Hintergrund bläht das Schiff rettend seine roten Segel, und der Engel mit den schwarzen Flügeln wartet ab. Das Publikum aber hat die Bilder von Magritte und Delvaux längst im Kopf, auch wenn auf der Bühne Rammstein ertönt. Jo Fabians Bekenntnis als postsurrealer Künstler, seine virtuos ästhetische Bühnenarbeit hat Kassel einen innovativen Theaterabend geschenkt. Inhalt ist Form. Dem ordneten sich in diesem jede Minute überzeugenden Gesamtkunstwerk auch die Schauspieler unter: Mal gemeinsam einer strengen Bewegungschoreografie verpflichtet, mal Einzelverantwortung bei dem Improvisationsszenen tragend. Zum Schluss verbeugten sich zwölf Akteure in sich wiederholenden, streng ritualisierten Bewegungsabläufen. Die Theater-Reise durch das Jahrhundert, die der Kasseler Schauspielchef Martin Nimz angetreten hat, war bei 1928 angekommen und mit Jo Fabians Arbeit zur künstlerischen Herausforderung geworden. Das Publikum applaudierte euphorisch.
Juliane Sattler, Hessisch/Niedersächsische Allgemeine, 31. März 2003

Eine Produktion des Staatstheaters Kassel