"Whiskey & Flags.rekonstruktion" von Jo Fabian

"Whisky&Flags" is a masterpiece of fantastic complete art." Caroline Haertel


Premiere: 14.05.2003, Hebbel Theater Berlin
Director: Jo Fabian
Assistant Director: Christopher Langer
Space and lighting: Jo Fabian
Costumes: Jo Fabian
Original music: Jo Fabian
Songs: Tom Waits

 

Performers:
Sonja Elstermann, Heidemarie Fabian, Ulrike Henning,
Kerstin Rünzel, Volker Herold, Jörg Steinberg


Eine Theater-Ära geht zu Ende: Nach zehn Jahren im Hebbel-Theater verabschiedet sich Jo Fabian an diesem Wochenende mit seiner letzten Inszenierung. Der Grund liegt nicht bei ihm – die Intendanz wechselt, Nele Hertling geht, das neue Konzept des Hauses sieht dem Vernehmen nach anders aus. Jo Fabian war froh, in diesen zehn Jahren seiner Kunst eine Bühne, eine feste Adresse geben zu können, wenn auch das Hebbel als Theater ohne eigenes Ensemble in einem extrem schwierigen lokalen Umfeld liegt: Am Rande von Kreuzberg – zu weit, um von der Kreuzberger Szene als Heimspiel angesehen zu werden; auch zu weit weg vom Potsdamer Platz, um als Touristenattraktion zu gelten und zu nah (nämlich direkt neben) der SPD-Parteizentrale, wer will das schon.
So zwischen allen Orten und Stühlen ist auch seine Kunst – insofern passte das schon. Und wer ins Hebbel ging, wollte eben »Tanz. Bewegung. Theater«, wie die Unterzeile des Hauses lautet, da nahm man Wege gern in Kauf und konnte über zehn Jahre die Berliner Arbeit Jo Fabians und auch eine Reihe von Gastspielen seiner auswärtigen Inszenierungen verfolgen. Dies vorweg: Es waren großartige zehn Jahre, und in weniger als zehn weiteren Jahren werden wir uns mit Sehnsucht daran erinnern. Der Intendantin Nele Hertling kann gar nicht genug gedankt werden für die Möglichkeiten, die sie Jo Fabian gab, und für die Kontinuität, Verlässlichkeit, Professionalität der Zusammenarbeit. Nun also der Abschied.
Vor zehn Jahren hatte Jo Fabian – damals noch als junger Wilder geltend, als der Ostregisseur, der am schnellsten im Westen ankam – sein erfolgreichstes Stück auf die Bühne gebracht: »Whisky and Flags«. Zehn Jahre später stand es in der letzten Woche noch einmal auf dem Spielplan – mit den selben Darstellern im selben Bühnenraum. Nur eben zehn Jahre später, zehn Jahre älter – und naturgemäß ein klein bisschen früher außer Atem in den Tanzszenen. Kinder, wie die Zeit vergeht: Auch im Zuschauerraum war man zehn Jahre älter geworden – es waren überwiegend Besucher anwesend, die das Stück vor zehn Jahren schon sahen. Es war ein Wiedersehen, wie mit einem lieb gewonnenen Buch der Kindheit, das nun, mit Altersweisheit und einem guten Glas Rotwein noch einmal gelesen wird: Mit Vorfreude auf die besonders schönen Stellen, mit dem Genuss der reiferen Jahre, durchaus auch mit Wehmut. Frenetischer Beifall an diesem Abend.
Sie tragen einen Luftballon am Hut, reden und tanzen Unsinn, schlagen die Zeit tot – und warten, warten, warten. Denn: »Ganz sicher werden sie bald kommen und uns abholen – und dann fahren wir nach Hause!« Die Losung heißt »Auf Wiedersehen, Deutschland«. Aber so lange, bis sie endlich abgeholt werden (was für merkwürdige Assoziationen kommen an diesem Theaterabend immer wieder bei diesem Wort im Zuschauer auf!); so lange müssen sie eben noch warten, die Zeit totschlagen und vor allem »Punkte sammeln«.

Oliver Schwarzkopf, Neues Deutschland, 17.05.03)

Eine Produktion von Jo Fabian Department und dem Hebbel-Theater
mit freundlicher Unterstützung des Senats